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10.01.2020

Was in Haiti schiefgelaufen ist

Nach dem großen Erdbeben vor zehn Jahren waren die Hilfsbereitschaft groß und die zugesagten Gelder hoch. Dennoch geht es den Haitianern heute mehrheitlich schlechter als vor der Katastrophe. Warum ist das so?

Ein Kommentar von Wilfried Vyslozil, Vorstandsvorsitzender der SOS-Kinderdörfer weltweit.

Zehn Jahre ist es am 12. Januar her, dass in Haiti die Erde bebte. Mehr als 300.000 Menschen verloren damals in der Hauptstadt Port-au-Prince und ihrer Umgebung ihr Leben, Hunderttausende überlebten die Katastrophe schwer verletzt. Fast zwei Millionen wurden obdachlos. Der materielle Schaden wurde auf über sieben Milliarden Dollar geschätzt.

Die Hilfsbereitschaft danach war so groß wie selten. Die internationale Staatengemeinschaft versprach rund zehn Milliarden US-Dollar an Not- und Wiederaufbauhilfe. Dazu kamen rund drei Milliarden von regierungsunabhängigen Organisationen und noch einmal rund vier Milliarden, die der damalige venezolanische Präsident Hugo Chávez über sein Petrocaribe-Programm für Haiti ausschüttete. Daran gemessen müsste Haiti heute vielleicht kein prosperierendes Land sein, aber doch eines, das auf dem besten Weg ist, die bittere Armut zu überwinden.

Leider ist das Gegenteil der Fall. Den Haitianern geht es heute mehrheitlich schlechter als vor dem Erdbeben. Ende 2019 wurde das Land über mehrere Monate hinweg von Unruhen erschüttert. Die Menschen gingen zu Zehntausenden protestierend auf die Straßen, täglich kam es zu Schießereien zwischen bewaffneten Banden und Sicherheitskräften. Schulen und Universitäten waren geschlossen, das Wirtschaftsleben stand still. Es gibt weiterhin kaum Trinkwasser und Benzin, nur wenig Lebensmittel und selten Elektrizität. Da ist in den vergangenen zehn Jahren ganz offensichtlich etwas schiefgelaufen.

Letzter Auslöser der Unruhen war ein Bericht über die Verwendung der vier Milliarden Dollar, die nach dem Beben aus Venezuela kamen. Etwa die Hälfte davon ist verschwunden. Der Bericht hat das mit Ärger und Wut bereits gefüllte Fass zum Überlaufen gebracht.

Die Haitianer haben mit angesehen, wie in Port-au-Prince Bauzäune errichtet wurden, hinter denen sich bis heute nichts oder nur sehr wenig getan hat. Sie haben erfahren, dass mit mehreren hundert Millionen Dollar im Norden des Landes ein Industriepark errichtet wurde und ein koreanischer Konzern dort 20.000 Arbeitsplätze für Näherinnen versprochen hat. Es waren nie mehr als ein Viertel davon und auch davon wurde schon wieder ein Teil abgezogen, weil es sich anderswo noch billiger produzieren lässt. Für die Obdachlosen wurden Unterkünfte aus Sperrholzplatten und Wellblech weit außerhalb von Port-au-Prince errichtet. Die Siedlung zählt heute 200.000 Einwohner und ist zu einem der gefährlichsten Slums Haitis heruntergekommen. Die Beispiele ließen sich beliebig erweitern. Der Wiederaufbau in Haiti war reich an bizarren Fehlplanungen, die von der dort herrschenden Korruption und Misswirtschaft noch verstärkt wurden.

Direkt nach dem Erdbeben lief die Nothilfe routiniert. UN, Regierungen und Hilfsorganisationen taten ihr Bestes, den Haitianern zu helfen. Erstmals arbeiteten die großen Organisationen gut koordiniert über UN OCHA, das UN-Büro für die Koordinierung humanitärer Angelegenheiten, im Cluster. Als die erste Not gelindert war und der Wiederaufbau begann, wurden jedoch viele Fehler gemacht. Der wohl wichtigste: Viele Wiederaufbauprogramme wurden übergestülpt, anstatt sie gemeinsam mit den Einheimischen zu entwickeln.

Hätte man die Obdachlosen nach dem Erdbeben gefragt, was denn am nötigsten sei, hätte sicher keiner gesagt, es sei eine neue Siedlung weit außerhalb der Stadt und nahezu ohne Verkehrsanbindung. Niemand hätte sich für einen fernab gelegenen Industriepark mit Nähereien für den Export entschieden. Das sind Projekte, die oft nur aus der Schublade gezogen wurden. Eben deshalb gingen sie oft an Land und Leuten vorbei. Haitianer, das ist unsere Erfahrung, entscheiden sich lieber für kleinere Dinge. Für solche, die sie zu handelnden Menschen und nicht zu Hilfeempfängern machen. Das ist ein langer und manchmal sehr mühevoller Weg. Aber es ist der einzige Weg, der auf lange Sicht Erfolg verspricht. (...)

Autor:
SOS-Kinderdörfer | Wilfried Vyslozil
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